Hell on Earth Tour live in München

Wie schon wegen eher mageren Vorverkaufszahlen befürchtet, wurde das „Hell On Earth“-Package von dem an die 1500 Leute fassendem Backstage Werk in die anliegende Halle verlegt, die gut der Hälfte der Zuschauer Platz bietet.
Im Nachhinein eine sehr wohl überlegte Entscheidung, denn so entstand zu keinem Zeitpunkt der Eindruck, die Bands würden vor leerem Haus spielen.
Den Anfang machen die Straight-Edgeler von Casey Jones.
Mit solidem Post-Hardcore lassen die aus Mitgliedern von den später gastierenden „Evergreen Terrace“ und „xtimetodiex“ bestehende Combo, die Wassertrinker-Party steigen.
Schon zu diesem Zeitpunkt bildet sich vor der Bühne ein Loch von ca. 20 Metern Durchmesser.
Dank des ununterbrochenen Einsatzes von Violent Dancing, wird dieser Abstand zum Rest der Menge bis zum Mainact des Abends gehalten.
Mit wohlmeinenden Predigten des Frontmanns und Sängers Josh James, das Leben doch etwas gesünder zu gestalten, geht die halbstündige Performance, mit einigen technischen Problemen an der Gitarre, zu Ende.
In ihrer Szene scheinen die Jungs wirklich anzukommen, doch leider hatten die Europäer dieses Jahr das letzte Vergnügen mit den sympathischen Jacksonvillern.
Laut offizieller Aussage soll es ihre letzte Tour auf dieser Seite des großen Teiches sein.

Im Gegensatz zu dem folgendem Act, der das erste mal auf Münchner Boden zu sehen ist.
Der Proll-Faktor ins unermessliche.
Die deutsch-belgische Core-Band „Nasty“ entert die Bühne. Mit einer optischen Mischung aus Hip-Hop und Hardcore, jagt akustisch ein Breakdown den anderen.
Mit pseudo-coolen Sprüchen und halbherzigen Aufforderungen zum „nachdenken“, wird der Pit von einzelnen „Tänzern“ belagert, die den Abstand zur restlichen Menge sogar vergrößern können.
Das Problem ist diesmal, das sich manche dieser Helden scheinbar einer Verantwortung nicht bewusst sind. Einige wenige sehen scheinbar das ganze als eine Art Prügelei und schlagen auch mal gerne in Richtung der Unbeteiligten.
Und wenn jetzt die Argumentation kommt, die haben schon die Kontrolle und machen das öfter oder das Publikum weiß ja worauf es sich einlässt, muss ich einfach widersprechen.
Erstens schien es mir das ein gutes Drittel der Beteiligten überhaupt keine Ahnung von den jeweiligen Moves hatte, sondern einfach blind (oder betrunken) die Fäuste in alle Himmelsrichtungen sprechen ließ, zweitens hat man selbst bei einem Core-lastigem Konzert die Leute, die nicht mitmachen wollen, zu akzeptieren und zu respektieren.
Wenn diese zurückweichen um Platz zu schaffen und um gleichzeitig nicht immer aufpassen zu müssen, ist das in keinem Fall die Aufforderung den Pit zu erweitern.
Wie man an den Aussagen der Musiker, aller Bands feststellen konnte, haben diese Pfosten ihnen einen ganz schönen Bärendienst erwiesen.
Oder wie stellt ihr euch vor, fühlt es sich an wenn sich hunderte Leute sich nicht in die Nähe der Band oder Bühne trauen?
Alles in allem hat die Band und ihre Fans eine Existenzberechtigung, doch muss man auch objektiv feststellen das die Musik zu eintönig ist (wie ein halbstündiger Breakdown) und die Fans rücksichtslos.

Nachdem das audiovisuelle Massaker vorbei ist, betreten die der Menge scheinbar nicht ganz wohlgesinnten Band die Bühne.
Schon mit der ersten Ansage, die in ähnlicher Form alle paar Songs wiederholt wird, beschimpft er die weiter hinten stehenden Zuschauer als Nerds und Feiglinge.
Was zunächst als szenetypische Zankerei ankommt, bekommt in den darauf folgenden Minuten einen sehr ernsten Anstrich.
Ohne jedes Augenzwinkern zerschmettert der Sänger Aaron Bedard sein Mikro und jagt gleich das seines Gitarristen hinterher.
Scheinbar durchgehend angepisst, absolvieren die Hardcore Punks ihre Show.
Es sieht aus, als hätte keine der Bands verstanden, dass ihre Violent Dancer den Rest der Fans abschrecken und zurückdrängen.
Wir sind in München und nicht in einer Garage in Boston.

Nach kurzem Umbau sind die Co-Headliner des Abends, Evergreen Terrace bereit der Menge zu zeigen wie eine moderne Metalcore-Band zu klingen hat!
Vom ersten Song an, haben die Jungs um Andrew Carey alles im Griff und jagen einen Hit nach dem anderen raus.
Besonders sticht dabei das Tears For Fears-Cover „Mad World“ heraus, das diesmal auch die ganze Halle mitsingen kann.
Mit dem Evergreen (haha) “Chaney Can’t Quite Riff Like Helmet’s Page Hamilton” findet dieser großartige Auftritt seinen krönenden Höhepunkt aber leider auch das Ende der Show.

Nun ist aber jeder warm, für die lang erwarteten Unearth!
Diese zeigen sofort warum sie im Vergleich zu ihren Vorbands, solche Erfolge einfahren können. Mit einer gelungenen Mischung aus Melodic Death Metal und Hardcore, schafft es das Quintettt den kompletten Raum zum beben zu bringen. Die Banger bangen, die Mosher moshen und alles läuft sehr fair ab.
Mit „My Will Be Done“ wird ab der ersten Sekunde klar, wer der Chef im Ring ist.
Routiniert aber voller Energie, arbeiten sie einen Hit nach dem anderen ab. Das ganze gespickt mit Perlen ihres neuen Werkes „Darkness In The Light“.
Es wird sich sogar so sehr ins Zeug gelegt, dass das Fell der Snare-Drum reißt und schnell durch ein neues ersetzt werden muss.
Zur Überbrückung halten die restlichen Bandmitglieder das Publikum mit lustigen Sprüchen bei Laune.
Und nach einigen, von einem Fan aus der ersten Reihe, zugesteckten Jägermeistern geht es auf die Zielgerade.
Als der letzte Ton von „The Great Dividers“ erklingt, nimmt sich die Band noch ausgiebig Zeit Hände zu schütteln, Picks und Drumsticks zu verteilen und mit den Fans auf  Tuchfühlung zu gehen. Sehr sympathische Typen.

Alles in allem muss man zu dem Abend sagen, dass er sich für den Preis wirklich mehr als gelohnt hat. Trotzdem hätte man auf die Vorbands, mal abgesehen von Evergreen Terrace, verzichten können.
Zwar haben Unearth Core-Elemente, doch ihre Fanbase unterscheidet sich extrem von der typischen Anhängerschaft dieses Genres.
Ein Package wie vor zwei Jahren, als sie mit Chimaira hier gastierten, würde beim nächsten mal sicherlich auch passen.

Igor Barkan

 

Photos: Kudo

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