Incubus live in München


INCUBUS Live am 22.11.2011 in München, Zenith

Album: „I f Not Now, When?“ (VÖ: 08.07.2011)
Single: „Promises, Promises” (VÖ: 10.06.2011)

„Erfolg ist ein teuflisches Opiat. Ein schneller und berauschender Drink, der dir erst ganz
smooth runtergeht, dann aber anfängt, in deiner Kehle zu brennen und dich komplett
durchzuschütteln – und am nächsten Tag bist du komplett im Eimer“, erklärt Brandon
Boyd. Und der Kalifornier weiß ziemlich gut, wovon er da spricht. Als Sänger und
Frontmann der Band Incubus veröffentlichte der 35-jährige in den vergangene n
sechzehn Jahren fünf Studioalben, die sich bis dato weltweit mehr als fünfzeh n
Millionen Mal verkauften. Im Juli 2011 erscheint fünf lange Jahre nach dem US-Nummer-
Eins-Album „Light Grenades“, das mit „Love Hurts“ den bis dato größten Incubus-Hit
hervorbrachte, endlich ein neues Werk der Band. Der programmatische Titel: „I f Not
Now, When?“. Der Produzent: Brendan O’Brien, unter dessen Regie zahllose Klassiker
entstanden, darunter essentielle Alben von Bruce Springsteen, Rage Against The
Machine, Pearl Jam, AC/DC und Billy Talent.

Und wer könnte die Entstehung, den Inhalt und die Motivation, die hinter dem
langerwarteten, sechsten Incubus-Album steht, besser erklären als Brandon Boyd selbst.
Hier ist, was er zu „I f Not Now, When?“ zu sagen hat.

„Wir alle hören gerne eine gute Erfolgsgeschichte, oder? Interessanterweise sind es aber
nicht die ‚guten‘ Dinge, die eine Story ‚gut‘ machen. Nein. Es sind die negativen
Elemente, bei denen wir unsere Ohren spitzen. Und genau das ist die Tragödie, die
unserem allgegenwärtigen Streben nach Aufmerksamkeit inne wohnt. Ich bin Mitglied
einer Band namens Incubus. Wir sind alle gleich alt und haben 1991 mit unserer Band
angefangen. Unsere Geschichte ähnelt vielen anderen Erfolgsgeschichten. Sie hat Gipfel
und Täler, sie ist voller Mühsal und Triumphe, schwindelerregender Höhepunkte und
tiefster Tiefpunkte. Aber es waren nicht die schlimmen Dinge unserer Story, die die
Neugier der Menschen weckte und über all die Jahre aufrecht erhielt. Um ganz ehrlich zu
sein: ich bin mir nicht genau sicher, warum die Leute sich schon so lange für uns
interessieren. Mir gefällt der Gedanke, dass es an der Musik liegt, die wir machen und
mit der Welt teilen. Dass wir bei den Menschen an bestimmten Momenten in ihrem
Leben einen Nerv getroffen haben, so dass sie durch bestimmte Songs an nicht ganz so
weit zurückliegende Zeiten erinnert werden, in denen Ereignisse und Wendungen in
ihrer eigenen Biographie im Einklang mit unseren Texten und Rhythmen standen.
Sounds, die in Symmetrie mit der Psyche eines Menschen mäandern, wie in jene n
seltenen Momenten, wenn dein Körper und dein Schatten sich an der Wand
deckungsgleich übereinander legen. Wenn also die Musik der wahre Auslöser für unsere
(jetzt wieder) voranschreitende Erfolgsgeschichte ist, dann kann man sagen, dass wir
auf dem richtigen Weg sind. Möglicherweise sind wir Wanderer, die von der Droge
genascht haben – wir kicherten und wunderten uns über die Kaleidoskop-Muster, die sie
hervorrief. Aber als wir am folgenden Tag erwachten, schüttelten wir sie ab und machten
uns wieder auf den Weg.

Noch leicht verkatert vom vorabendlichen Um-die-Häuser-Ziehen beschlossen wir, dass es
nun höchste Zeit war, Songs für eine neue Platte zu schreiben. Fünf Jahre waren seit der
Veröffentlichung von ‚Light Grenades‘, unserem letzten Album, ins Land gegangen und
uns alle juckte es gewaltig, ‚uns mal wieder ordentlich einen reinzuziehen‘. Nachdem
wir ungefähr drei Songs geschrieben hatten, dämmerte uns allerdings, dass wir hier
Biographie etwas völlig Neues ans Tageslicht befördert hatten. Aufgeregt machten wir uns daran,
dem neuen Kaninchen soweit in das Wurmloch hinein zu folgen, wie uns nur möglich
war. An einem bestimmten Punkt innerhalb dieses kreativen Vagabundierens wurde uns
bewusst, dass bestimmte kreative Mantras wieder auftauchten, bewusst und unbewusst.
Worte wie „Wirtschaft“, „Eleganz“, „Raum“ und „Zurückhaltung“ schlichen sich wieder
in unsere Gespräche. Begriffe, mit denen wir in der Vergangenheit bereits gespielt
hatten, aber noch nie vorsätzlich und so selbstbewusst.

Träufele ein Prise Laune und eine Messerspitze Psychedelia in den Kessel, lass es ein
paar Monate im Aufnahmestudio vor sich hin schmoren und am Ende kommt dies hier
dabei heraus: ‚ I f Not Now, When? ‘. Unser romantischer, musikalischer Liebesbrief an
die Welt. Er ist dunkler, langsamer, reichhaltiger, raffinierter und aufwändiger als alles,
was Incubus bislang veröffentlich haben. Und ich bin sehr glücklich, es mit euch allen zu
teilen. All die Jahre hatten Incubus nach Möglichkeiten gesucht, eine Balance zwischen
den Optionen zu finden, die das Songwriting bietet. Ich glaube, dass wir seit vielen
Jahren nach etwas Anderem gesucht hatten. Nach etwas Neuem für die Welt – und für uns
als Band. Und wir beschlossen, dass unser sechstes Studioalbum ‚ I f Not Now, When? ‘
genau dies sein sollte.

Die Tonalität des Albums haben wir beim Titelsong festgelegt. Wenn man irgendwann,
irgendwo im Wasser rührt, dann setzten von dieser Stelle aus Wellen in alle Richtungen
in Bewegung. Wunderschön, symmetrisch und unaufhaltsam pulsierend, nach außen,
immer weiter. Die Wellen legen unzählige Meilen zurück und treffen irgendwann auf
flaches Gewässer. Dann kommt das triumphierende Finale: das Brechen der Welle,
nachdem sie tausende von Meilen an Fahrt aufgenommen hat. Sie spannt einen Bogen
in die Zukunft; die Welle ist kurz davor zu brechen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Es ist
ein einzigartiges Ereignis in Raum und Zeit, das sich nie wiederholen wird. Jetzt. Jetzt.
Jetzt.

Unsere erste Single ‚Adolescents‘ ist möglicherweise der am vertrautesten klingende
Incubus-Song auf dem neuen Album. Er begin nt mit Michaels unverkennbarem und
unnachahmlichem Gitarrenspiel, und geht in eine Art betrunkenen Walzer über. Der
Gedanke schafft sich Raum, dass wir kollektiv kurz vor unserer kulturellen Teenagerzeit
stehen. Man hat das Gefühl, als wenn es uns schon immer gegeben hätte. Uns, meine
ich. Die Menschen. Kultur. Aber man muss lediglich einen Blick in die biologischen Akten
der Erde werfen, um zu begreifen, dass WIR noch recht neu sind! Und die
Veränderungen, die wir in unserem komplexen, kleinen Spiel beobachten können, sind
denjenigen, die man als Heranwachsender erlebt, nicht ganz unähnlich.
‚Promises, Promises‘ ist unsere Hommage an die Popsongs von ‚yester-morrow‘. Bezug
nehmend auf die verdientermaßen allgegenwärtigen Künstler der Generation unserer
Eltern, versuchen wir hier, eine Art ‚kunsthandwerkliche Uhr‘ anzufertigen. Ein Teil, das
geschmeidig vor sich hin tickt, auf der Basis seines guten Designs, seiner Schönheit und
Einfachheit. In dem Song geht es um ein junges Mädchen, das nach einige n
fehlgeschlagenen Versuchen resigniert und den Weg des geringsten Widerstandes
einschlägt. Um die Schmerzen zu vermeiden, die Intimität und Nähe mit sich bringen,
lässt sie sich nur auf oberflächliche Affären ein. Doch dann trifft sie jemanden, dem sie
mit allem, was sie hat, vertrauen kann: mit ihrem Herzen. Doch nachdem sie jahrelang
davor davon gelaufen ist, kann sie kaum noch erkennen, wie das Wahre aussieht.
‚Friends And Lovers‘ ist ein Lied, von dem ich immer hoffte, dass wir es irgendwan n
schreiben können. Ich glaube, es ist bis dato mein Lieblingssong. Es trifft den Kern
unserer kulturell geprägten Wahrnehmungsunterschiede, was Beziehungen angeht und
wie Liebe aussehen soll. Es wendet sich gegen seit Ewigkeiten gültige Auffassung
bezüglich Liebe und Intimität und stellt schlicht fest, dass Freunde die besten Liebenden
sind. Und dass Liebe in der Tat aus Freundschaft entspringen und unsere vorgefassten
Ansichten überdauern kann: wie es auszusehen hat, wie es sich anfühlen soll und wie
lange es andauert. Filme und Religion haben unser Bild dieses wichtigsten Themas
weitestgehend definiert. Und mit diesem Song wollte ich versuchen, meine Vorstellung
von moderner Liebe darzulegen.

‚Tomorrow’s Food‘ wurde vor ca. zwei Jahren geschrieben. Damit war es der erste
Song, der für dieses Album entstand. Auch hier zeigt uns Michael wieder einmal seine
tiefe Musikalität. Das Stück ist ein ‚Sound-Quilt‘, der uns umhüllt und an dessen Wärme
und den vielen Möglichkeiten, die er uns bietet, wir uns laben. Textlich nehme ich
ausdrücklich Bezug auf ein Zitat des Philosophen Ken Wilbur aus ‚A Bief Hisory Of
Everything‘: „Keine Epoche ist letzten Endes privilegiert. Wir sind die Nahrung von
Morgen. Der Prozess geht weiter. Und der Geist an sich findet sich im Prozess selbst,
nicht in einer bestimmten Epoche, oder Zeit oder an einem bestimmten Ort.“ Niemals
hat jemand so eloquent, so kurz und bündig in Worte gefasst, wie ich das
Erwachsenwerden sehe. Das Erreichen der Mitte Dreißig. Nachdem ich dieses Zitat
gelesen hatte und Zeuge des Ziehen und Stoßens zwischen dem Alten und dem Neuen
wurde, dem Jungen und dem Nicht-ganz-so-Jungen, sah ich die in herente Schönheit und
die Weisheit in diesem Prozess. Und ich schrieb einen Song darüber. Nach Ansicht dieses
Berichterstatters befinden wir uns inmitten gewaltiger Umwälzungen. Kulturell, ethisch,
künstlerisch, technologisch, intellektuell, philosophisch und spirituell. Eigentlich so gut
wie alle „-ells“. Derartige Veränderungen gab es bereits zuvor – natürlich mit anderen
Details und Ergebnissen. Und es wird wieder passieren. Absolut. Das neue Element in der
Sache ist, dass wir uns der Umwälzungen bewusst sind. Das Bewusstsein, dass es nie ein
‚Ende der Welt‘ geben wird. Lediglich den Prozess und die Wahl, Zeuge oder Akteur zu
sein. Was wie das Ende der Welt anmutet, ist das demütigende Gefühl, wenn man
begreift, dass eine neue Ideenwelt die Ideen deiner Generation verdrängt hat. Verwirrt
und bestürzt von der Art und Weise, ‚wie die Dinge so laufen‘, kann man gar nicht anders
als denken, dass alles den Bach runter geht – und dass du kämpfen musst, um das zu
erhalten, was du aufgebaut hast. Was aber tatsächlich stattfindet, ist eine notwendige
Weiterentwicklung. Die Übergabe des kollektiven Staffelholzes. Und wenn nicht jetzt,
wann dann?

Als wir unser erstes Album ‚S .C. I .E.N.C.E. ‘ aufnahmen und veröffentlichten, waren wir
kleine Jungs, die vor Enthusiasmus und Energie fast platzten. Wir waren zuvor nie auf
Tour gewesen, hatten nie vor einem anderen Publikum gespielt als vor
Familienmitgliedern und Freunden. Und plötzlich fanden wir uns auf Konzertreise durch
die USA und Europa wieder, fast nonstop zwei Jahre lang, auf der Suche nach… Rock and
Roll? Als wir ins Stottern gerieten und wieder nach Hause krochen, waren wir erschöpft.
Seltsamerweise aber auch voller Inspiration. Wir begannen damit, Songs für unser
Follow-Up ‚Make Yourself‘ zu schreiben – ein Album, bei dem wir uns nach
Fertigstellung selbst am Kopf kratzen mussten. Denn nachdem wir mit dem Vorgänger
ungewollt ein neues, musikalisches Subgenre ins Leben gerufen hatten, schien es recht
unlogisch, dass wir ein Rock and Roll Album aufgenommen hatten, voller Melodien,
durchdacht (sowohl musikalisch als auch textlich), und mit – Gott bewahre – Singles!
(könnte man hier Bewegtbilder einfügen, so würde ich schnell Godzilla hinein editieren,
der irgendwo eine Stadt dem Erdboden gleich macht. Menschen, die in Panik in alle
Richtungen davon rennen und ein paar Unerschrockene hier und da, die auf die
teuflische, prähistorische Kreatur aus der Tiefe zeigen). ‚Make Yourself‘ wurde bei den
Fans, die wir eben erst für uns gewonn en hatten, mit einiger Erschütterung
aufgenommen. Wir hatten eine unerwartete Kehrtwende vollzogen. Wir wurden
stellenweise sogar etwas nervös und fragten uns, ob wir einen Fehler begangen hatten,
als wir uns auf unseren Instinkt verließen und ‚Song orientierter‘ arbeiteten. Doch
einige Monate nach der Veröffentlichung wurde die Sache langsam doch zum Erfolg. Mit
der Betonung auf ‚langsam‘. Langsam, aber sicher. Letzten Endes hatte uns unser
kreativer Instinkt die richtige Richtung gewiesen. Es war ein Kompass mit einer sich
schlängelnden Nadel, aber es war ein guter.

Mit ‚ I f Not Now, When? ‘ schließt sich nun dieser langsame Bogen. Die Welle, die seit
so langer Zeit unterwegs war, ist im Begriff zu brechen. Eine Kraft, die in der Lage ist,
gleichermaßen Schön heit und Zerstörung zu verursachen, ist durch ihre Einzigartigkeit
bemerkenswert – weil sich das Ereignis nicht wiederholen wird. Wellen brechen vor ihrer
Zeit, Wellen werden danach brechen, aber jede einzelne ist eine individuelle Leinwand.
Diese ist unsere. Eure und meine.

Nun, wen n Erfolg eine Droge ist, dann sind Incubus ein funktionierender Abhängiger.
Ich weiß, wie banal es klingt, wen n man seinen eigenen Erfolg kommentiert, aber ich
sehe unsere Sucht als eine kollektive. Ihr habt uns ermöglicht, soweit zu kommen und
was wir innerhalb dieses Prozesses erschaffen haben, wird noch für lange Zeit für
Gesprächsstoff sorgen. Wenn ich sage: ‚WIR‘, dann meine ich euch und mich. Uns alle.
Dies ist letztendlich eine Konversation, die in den frühen Neunzigern begonnen hat und
die bis heute andauert. Ein Spaziergang, der uns einen gewunden Pfad entlang führt,
durch zahlreiche Landschaften und über weites Gelände. Natürlich tun uns die Knoche n
weh, unsere Hunde kläffen, unsere Schuhe sind voller Löcher und wir sehen ohne Hemd
und T-Shirt nicht mehr ganz so gut aus wie früher – doch das bedeutet nicht, dass wir
nicht weitergehen werden. Und dabei mit euch sprechen werden. Langsam denke ich,
dass Erfolg weniger ein Opiat ist als vielmehr ein Übergang zum guten Teil einer
Konversation.

Bis bald, Jungs und Mädchen. Wir lieben es, Musik zu machen und fühlen uns dankbar
und gesegnet, dass ihr uns eure Aufmerksamkeit schenkt – heute und hoffentlich auch
morgen.
Cheers,
Brandon Boyd”

Quelle: http://www.x-why-z.eu/


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