Kissin` Dynamite – Eine Rezension zu Ecstasy der besonderen Art

Eigentlich hatten die Jungs von Kissin‘ Dynamite vor geraumer Zeit eine Schaffenspause angekündigt. Allerdings darf der geneigte Fan bereits seit einigen Tagen wieder ein neues Album des Schwabenfünfers in den Händen halten. Aber Hand auf’s Herz – es hätte sowieso niemand geglaubt, dass diese Musicaholics lange auf der faulen Haut liegen könnten. Mit dem sehr edel und schlicht in schwarz weiß gehaltenen Cover, das eine weibliche Genreschönheit mit langer Mähne und stilechter Zigarette ziert, kommt auf alle Fälle schon mal optisch richtig Freude auf. Mit Sony Music kann man sich zudem glücklich schätzen, auf einen neuen und kompetenten Labelpartner zu setzen, der gewiss kräftig Rückenwind bringen wird. Schlicht „ECSTASY“ ist der Name, auf den der neue Longplayer hören darf und ob das beim Hörer auch selbige auslöst, gilt es nach dem Einlegen in den Player zu beweisen.

Mit Kissin‘ Dynamite ist das ja seit eh und je so eine Sache gewesen. Jedes neue Album brachte immer eine deutliche Steigerung und wenn man dachte, jetzt wäre ein Album nicht mehr zu toppen, wurde man direkt mit der nächsten Scheibe eines Besseren belehrt. Ob es nach dem grandiosen 2016er Album „Generation Goodbye“ auch mit „ECSTASY“ nahtlos auf der Qualitätsleiter wieder ein Stück nach oben geht? Gleich eins vorweg – ja, tut es…und wie!

Die ersten Töne der bereits vorab veröffentlichten Single „I’ve Got The Fire“ knallen aus den Boxen und sofort wird klar, dass es diese Band mit dem bereits 6. Studioalbum seit 2012 über die Jahre geschafft hat, einen absolut unverkennbaren und eigenständigen Sound zu kreieren. So klingt keiner außer eben Kissin‘ Dynamite. Die unerschütterlich tighte Rhythmussektion von Andi Schnitzer (Drums) und Steffen Haile (Bass) groovt, pumpt und knallt wie das sprichwörtliche Schweizer Uhrwerk. Ein verlässliches Fundament, auf das sich die durchweg überzeugenden Songs vollflächig stützen können. Genau hier liegt auch der Unterschied zu anderen Bands, bei denen vielleicht hier und da aus diversen Gründen Musiker getauscht oder ersetzt werden. Kissin‘ Dynamite ist eine gewachsene Symbiose aus fünf Freunden, die schon seit ihrer Schulzeit die Proberäume der schwäbischen Alb zusammen unsicher machen. Dieses blinde Vertrauen, diese unnachahmliche Chemie macht die Band so unfassbar kraftvoll und einzigartig.

Spätestens bei Titel Nummer 2, dem absoluten Power-Ohrwurm „You’re Not Alone“ wird einem mehr als bewusst, wohin die Reise 2018 mit Kissin‘ Dynamite führen soll. Was für ein messerscharf komponierter Gassenhauer-Refrain mit Street-Attitude. Absoluter Wahnsinn! Mittlerweile verwundert es auch gar nicht mehr, dass sich die Band in Sachen Songwriting und Arrangements auf einem derart großartigen Niveau bewegt. Man hat mit Ausnahmesänger Hannes Braun nicht nur eine der begnadetsten Rockröhren, die Deutschland jemals hervorgebracht hat, in seinen Reihen, sondern gleichzeitig einen begehrten Songwriter, der Kissin‘ Dynamite diese unverschämt groovenden Hooklines und Mörderrefrains auf den Leib schneidern kann. Nicht umsonst vertrauen ihm und seinen Songschreiberqualitäten bereits unzählige genreübergreifende Künstler wie Beyond The Black, Hämatom, Santiano, Oonagh und noch viele mehr.

Auf „Generation Goodbye“ waren auch durchweg tolle Songs vertreten und doch hat man bei „ECSTASY“ sofort das Gefühl, dass sich Kissin‘ Dynamite irgendwie von allen Zwängen befreit und den berühmten roten Faden gefunden haben, der sie am allerbesten führt. Alles wirkt total positiv und voller Energie. Schnörkelloser und weniger experimentell machen die Jungs ganz genau das, was sie so gnadenlos gut können: Rocken, bis der Arzt kommt! „Klar, das können sie alle!“, wird vielleicht manch einer jetzt sagen. Der feine Unterschied zur direkten Konkurrenz ist allerdings der, dass hier jeder einzelne Song in Sachen Melodieführung eine absolute Perle ist. Es rockt nicht nur, es ist auch noch supereingängig. Ich könnte aus dem Stegreif nur eine einzige Band aus unseren Landen nennen, denen das bisher auf ähnliche Weise gelungen ist und die hinterlässt mächtige Fußabdrücke in der Musikszene und hört auf den Namen SCORPIONS.

Die Produktion von „ECSTASY“ klingt einfach nur göttlich. Es mangelt weder an Transparenz noch an Druck. Alle Instrumente sind klar und deutlich im Klangbild auszumachen, hier wird nichts versteckt. Brauchen die Jungs auch nicht, denn spielerisch und gesanglich ist man auf internationalem Toplevel. Kaschieren von irgendwas? Nicht notwendig!

Besonders hervorheben möchte ich an dieser Stelle zudem die herausragende Gitarrenarbeit des Powerduos Jim Müller/Ande Braun. Meine Wortwahl sei entschuldigt, aber geilere Gitarrensoli habe ich aus unseren Landen seit seligen Matthias Jabs (Scorpions-Love At First Sting) oder Wolf Hoffmann (Accept-Metal Heart) Zeiten nicht mehr gehört. Hier werden mit so einer selbstverständlichen Leichtigkeit halsbrecherische Läufe, Doppelleads und unfassbar markante Melodielinien aus dem Griffbrett geschüttelt, dass es dem Gitarrenfan die Freudentränen in die Augen treibt. Dennoch sind die beiden Gitarreros stets songdienlich unterwegs und es artet nie in sinnloses Shredding aus, sondern gibt den Songs die nötige feine Prise Chilli mit.

Fazit:

Es ist wieder passiert: Kissin‘ Dynamite haben sich abermals selbst übertroffen und mit diesem Album ihr bis dato mit Abstand bestes Werk abgeliefert. Alles klingt wie aus einem Guß mit Power bis zum Abwinken! Mit „ECSTASY“ und den zwei für mich potentiellen Hitsingles „You’re Not Alone“ und „Wild Wind“ sowie den zwei Überflieger-Balladen „Still Around“ und „Heart Of Stone“ im Gepäck wird man mühelos die großen Stadien abkochen und Tausende von Herzen brechen können. Wer diese Platte auflegt, fühlt sich wie auf dem Sunset Strip in besten Mötley Crüe Tagen. Wer die Zeiten von Bon Jovi’s „New Jersey“ oder ähnlichem vermisst, dem sei hiermit versichert: Stadium Rock is back!

„ECSTASY“ legt die Messlatte für diese Art Musik beinahe unüberwindbar hoch und ganz oben drauf steht in fetten Lettern KISSIN‘ DYNAMITE!

Christian Wieber
Fotocredit: Patrick Schneiderwind


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