Verkehrssicherheit, Polizeipräsenz und die Frage, was „Bürgernähe” wirklich bedeutet

Am 15. März 2026 wählt Hanau einen neuen Oberbürgermeister. Nach über 22 Jahren im Amt geht Claus Kaminsky (SPD) in den Ruhestand – und hinterlässt eine Stadt, die vor großen Herausforderungen steht. Zwei Kandidaten haben realistische Chancen auf seine Nachfolge: Dr. Maximilian Bieri (SPD) und Isabelle Hemsley (CDU).
Ich habe beiden dieselben Fragen gestellt. Fragen, die mich als Hanauer Bürger direkt betreffen. Das Ergebnis? Aufschlussreich.
Die Kandidaten im Kurzporträt
Dr. Maximilian Bieri (SPD, 36 Jahre) ist in Hanau-Steinheim aufgewachsen, hat Mathematik studiert und promoviert. 2019 zog er erstmals in die Stadtverordnetenversammlung ein, wurde 2020 SPD-Fraktionsvorsitzender und ist seit 2023 Bürgermeister der Brüder-Grimm-Stadt. Er kennt die die Abläufe und die Verwaltung also schon. Sein Wahlkampfmotto: „Miteinander für Hanau”. Bieri führt Kleinbustouren durch die Stadtteile, bei denen er mit Bürgern über Verkehr, Infrastruktur und Sicherheit diskutiert.
Isabelle Hemsley (CDU, 36 Jahre) ist ebenfalls gebürtige Hanauerin, aufgewachsen in Großauheim und der Innenstadt. Nach dem Abitur an der Karl-Rehbein-Schule arbeitete sie im Weiterbildungsbereich der Continental AG. Seit 2023 ist sie hauptamtliche Stadträtin. Sie wurde von ihrer Partei einstimmig nominiert – mit der Losung „100 Prozent für Hanau”. Auf ihrer Website verspricht sie: „Ihre Anliegen, Ihre Ideen und Ihre Wünsche stehen für mich im Mittelpunkt.”
Beide sind gleich alt, beide in Hanau verwurzelt, beide versprechen Dialog und Bürgernähe. Doch wie sieht es in der Praxis aus?
Meine Fragen: Verkehrssicherheit und Polizeipräsenz
Als jemand, der letztes Jahr einen Motorradunfall direkt vor dem Hanauer Polizeipräsidium hatte und über eine Stunde vergeblich auf eine Streife zur Unfallaufnahme wartete, brennen mir zwei Themen besonders unter den Nägeln:
Frage 1: Wie passt die Philosophie der Verkehrssicherheit in Hanau mit der zeitgleichen Abschaffung von rund 50 Fußgängerüberwegen zusammen, die von Senioren und Familien täglich genutzt werden?
Als konkretes Beispiel nannte ich den Zebrastreifen an der Nürnberger Straße / Ecke Hirschstraße: Die Markierung wurde halbherzig abgekratzt und sorgt nun für mehr Verwirrung als Klarheit. Autofahrer wissen nicht, ob sie halten sollen, Fußgänger nicht, ob sie gehen dürfen.
Frage 2: Die Zusammenstreichung von Polizeirevieren und der Ersatz durch sporadische Streifen bei gleichzeitigem Anstieg krimineller Taten – wie kann hier noch Verkehrssicherheit gewährleistet werden?
Meinen eigenen Unfall schilderte ich als Fallbeispiel: Nach über einer Stunde Wartezeit musste ich selbst mit dem Unfallverursacher zur Wache gehen, weil sonst Fahrerflucht bestanden hätte. Der O-Ton des Beamten vor Ort: „Wir sind unterbesetzt.” Das war ein Freitag Nachmittag.
Diese Fragen stellte ich vor etwa zwei Wochen – zunächst direkt als Kommentar auf der öffentlichen Facebook-Seite von Isabelle Hemsley, dann nochmals formal per E-Mail an beide Kandidaten.
Die Antwort von Dr. Maximilian Bieri
Bieri antwortete ausführlich und auf offiziellem Briefpapier. Hier seine Positionen im Wortlaut:
Zu den Zebrastreifen
„Verkehrssicherheit bedeutet für mich: Schutz für die Schwächsten – Kinder, Seniorinnen und Senioren, Menschen mit Einschränkungen.”
Zur Frage der abgebauten Fußgängerüberwege:
„Bei den Fußgängerüberwegen müssen wir ehrlich sein: Es gibt bundesweit sehr enge rechtliche Vorgaben. In Hanau gab es Überwege, die nach heutigen gesetzlichen Regelungen nicht mehr zulässig waren – etwa wegen fehlender Beleuchtung oder mangelnder Barrierefreiheit. Eine fachgerechte Ertüchtigung kostet nicht selten mehr als 25.000 Euro pro Überweg.”
Zum konkreten Beispiel Nürnberger Straße / Hirschstraße:
„Aber: Ein Rückbau darf niemals zu Unsicherheit führen. Wenn Markierungen halbherzig entfernt werden und Verwirrung entsteht, ist das handwerklich nicht akzeptabel. Hier erwarte ich saubere Ausführung und klare Beschilderung.”
Bieri verweist auf Studien der Unfallforschung:
„Zudem zeigen Studien der Unfallforschung, dass Zebrastreifen nicht automatisch mehr Sicherheit bedeuten. Entscheidend ist das Gesamtkonzept – Sichtbeziehungen, Beleuchtung, Verkehrsaufkommen, Tempo.”
Sein Lösungsvorschlag:
„Deshalb schlage ich einen Hanauer Verkehrssicherheitsgipfel vor. Dort werden wir gemeinsam mit Fachleuten, Schulvertretungen, Seniorenbeirat, Behindertenverbänden und Ortsbeiräten alle kritischen Stellen neu bewerten. Besonders die Schulwege gehören auf den Prüfstand – transparent und stadtteilbezogen.”
„Mein Ziel ist klar: Nicht weniger Sicherheit – sondern bessere, moderne und barrierefreie Lösungen für alle Stadtteile.”
Zur Polizeipräsenz
Zu meinem persönlichen Erlebnis beim Motorradunfall:
„Zunächst: Ich bedaure Ihren Motorradunfall und hoffe, Sie wurden nicht ernstlich verletzt.”
Zur grundsätzlichen Frage der Sicherheit:
„Sicherheit ist ein Grundbedürfnis aller Menschen in unserer Stadt. Sie bedeutet Schutz im öffentlichen Raum, spürbare Präsenz und eine verlässliche Polizei, die erreichbar ist – in der Innenstadt, in den Stadtteilen und zu den Zeiten, in denen Menschen sie brauchen.”
„Ich sage ganz klar: Die Landespolizei ist der Hauptverantwortliche für Sicherheit in Hanau. Die Menschen dort leisten unter oft schwierigen Bedingungen hervorragende Arbeit. Dass die Polizei selbst davon spricht, unterbesetzt zu sein, zeigt, wie wichtig eine sachliche Debatte über Ausstattung und Personal ist.”
Zum neuen Großstadtrevier Hanau:
„Das neue Großstadtrevier mit erweiterten Zuständigkeiten deckt das gesamte Stadtgebiet sowie Großkrotzenburg ab. Sieben Funkstreifenwagen stehen rund um die Uhr im Dienst, was zwei zusätzliche Streifenbesatzungen gegenüber der früheren Struktur bedeutet.”
„Durch die personelle Stärkung der Schutzleute vor Ort (SvO) gibt es feste Ansprechpartner in mehreren Stadtteilen – beispielsweise in Kesselstadt sowie in Großauheim/Großkrotzenburg.”
Was Bieri zusätzlich fordert:
„Gemeinsame Fußstreifen von Landespolizei und Stadtpolizei müssen weiter ausgebaut werden, besonders an Punkten, die als unsicher empfunden werden und in den Abendstunden.”
„Die Stadtpolizei braucht mehr Personal auf der Straße – nicht nur im Fahrzeug, sondern zu Fuß in den Stadtteilen.”
„Ein Schwerpunkt liegt auf der Verkehrsüberwachung im ruhenden und fließenden Verkehr: konsequent gegen Raser, Rotlichtverstöße, illegales Parken auf Behindertenparkplätzen, in Feuerwehrzufahrten und in Fußgängerzonen.”
Sein Fazit zur Sicherheitsfrage:
„Nur das Vorbeifahren in einem Streifenwagen schafft bei den Menschen kein echtes Sicherheitsgefühl. Sicherheit spürt man vor allem dann, wenn man Ansprechpartner sieht – zu Fuß, auf dem Platz, im Quartier.”
„Wir brauchen eine konstruktive, kontinuierliche Kooperation zwischen Stadtverwaltung, Stadtpolizei und Landespolizei. Ein Sicherheits- und Verkehrsgipfel mit allen Beteiligten – von Ortsbeiräten über Polizeivertretungen bis hin zu zivilgesellschaftlichen Gruppen – kann helfen, Prioritäten gemeinsam zu setzen und Ressourcen optimal zu nutzen.”
Kein Kommentar von Isabelle Hemsley
Und Isabelle Hemsley?
Auf meine Frage als Facebook-Kommentar auf ihrer offiziellen Kandidatenseite: Keine Reaktion.
Auf meine formale E-Mail-Anfrage als Redakteur: Keine Antwort.
Zwei Wochen. Zwei Kanäle. Null Resonanz.
Das wäre vielleicht nicht weiter bemerkenswert, wenn Hemsley sich nicht ausgerechnet mit Bürgernähe profilieren würde. Der CDU-Vorsitzende Jens Böhringer lobte sie bei der Nominierung für ihre „klare Haltung und Bürgernähe” und nannte sie eine Politikerin, die „für eine Politik des Dialogs und der Verlässlichkeit” stehe.
Auf ihrer Website schreibt Hemsley: „Ihre Anliegen, Ihre Ideen und Ihre Wünsche stehen für mich im Mittelpunkt.” Die CDU lädt sogar zu „Bembelgebabbel” ein – einem „niedrigschwelligen Angebot für den direkten Austausch”, bei dem Bürger „Fragen stellen und Anregungen zur Zukunft Hanaus einbringen” können.
Ironischerweise gehört gerade Sicherheit zu Hemsleys Wahlkampfschwerpunkten. Auf ihrer Website verspricht sie: „Gerade beim Thema Sicherheit besteht aktuell für viele Menschen Redebedarf. Wir sind daher für die Anliegen der Hanauerinnen und Hanauer vor Ort ansprechbar.”
Ansprechbar – solange man nicht unbequeme Fragen stellt?
Wahlkampf zwischen Schein und Sein
Diese Erfahrung fügt sich in ein größeres Bild. Aktuell berichten hessische Medien verstärkt über den Kommunalwahlkampf. Die Hessenschau berichtet von einem deutlichen Anstieg bei Angriffen auf Wahlplakate im Vergleich zur Bundestagswahl. Fast täglich melden Polizeipräsidien Attacken – auch in Hanau und dem Main-Kinzig-Kreis.
Politikwissenschaftler betonen trotzdem den Wert von Wahlplakaten: Bei Kommunalwahlen sei die Kandidatenorientierung besonders wichtig, auf den Plakaten sehe man „vertraute Gesichter des eigenen Lebensumfeldes”. Das mag stimmen. Aber ein vertrautes Gesicht auf einem Plakat ist das eine – echte Kommunikation mit Bürgern das andere.
Es ist legitim, als Kandidatin einen straff organisierten Wahlkampf zu führen. Es ist auch verständlich, dass nicht jede Social-Media-Nachricht sofort beantwortet werden kann. Aber wenn jemand sowohl öffentlich als auch auf dem formalen Weg eine sachliche Anfrage zu einem der eigenen Kernthemen stellt – und zwei Wochen lang keine Reaktion kommt – dann sagt das etwas aus.
Was bedeutet Bürgernähe wirklich?
Es gibt einen Unterschied zwischen inszenierter und gelebter Nahbarkeit.
Inszenierte Nahbarkeit bedeutet: professionelle Social-Media-Auftritte, Fototermine beim Apfelwein-Plausch, Wahlkampfvideos mit Slogans wie „Ich will zuhören”. Das alles kann Teil einer legitimen Kampagne sein.
Gelebte Nahbarkeit bedeutet: Auf konkrete Fragen von Bürgern eingehen. Auch wenn sie unbequem sind. Auch wenn sie nicht ins Raster passen. Auch wenn sie von jemandem kommen, der normalerweise über Musik schreibt und nicht über Lokalpolitik.
Dr. Maximilian Bieri hat geantwortet. Ausführlich, inhaltlich, mit konkreten Vorschlägen. Man muss nicht mit allem einverstanden sein, was er sagt. Aber er hat sich der Frage gestellt.
Isabelle Hemsley hat geschwiegen. Vielleicht hat sie gute Gründe. Vielleicht ist die Anfrage untergegangen. Vielleicht kommt die Antwort noch.
Aber wenn am 15. März gewählt wird, sollten Hanauer Bürgerinnen und Bürger wissen, welcher Kandidat auf ihre Fragen eingeht – und welcher nicht.
Transparenzhinweis
Ich habe beide Kandidaten um Stellungnahme zum Thema Verkehrssicherheit gebeten. Dr. Maximilian Bieri (SPD) hat ausführlich geantwortet. Isabelle Hemsley (CDU) hat auf meine Anfrage – gestellt sowohl per Kommentar auf ihrer Facebook-Seite als auch per E-Mail – nicht reagiert (Stand: 4. März 2026).
Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch auf eine Wahlempfehlung. Er dokumentiert lediglich meine Erfahrung als anfragender Bürger.
Hinweis: Dieser Artikel erscheint auf burning-music.de. Normalerweise schreiben wir hier über Musik – aber manchmal brennen andere Themen eben mehr.
Von Patrick Kronenberger.
(c) Foto: Burning-music.de / Patrick Kronenberger